30 Jahre im Dienst der Herz-Patienten
30 Jahre und sechs Monate: So lange hat sich Ralf Lyttwin als niedergelassener Mediziner um Herzkranke in und um Aschaffenburg gekümmert. Tausenden Herzinfarkt-Patienten hat der promovierte Facharzt für innere Medizin mit kardiologischem Schwerpunkt per Herzkatheter in Alzenau-Wasserlos das Leben gerettet; Zehntausende Menschen vom Untermain und aus dem Spessart hat er diagnostisch und therapeutisch begleitet. "Lebensqualität zu schaffen und zu erhalten", darum gehe es in der Medizin zuvorderst, sagt Lyttwin im Main-Echo-Gespräch. Zum Oktober hat sich der 66-Jährige, der die vergangenen fünf Jahre im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Goldbach praktizierte, aus der Kassenmedizin verabschiedet.
Die Zahlen seiner medizinischen Laufbahn sind beeindruckend: Mehr als 15.000 Herzkatheter-Untersuchungen und -Eingriffe hat er gemacht. In der Patientenkartei der großen kardiologischen Praxis in Aschaffenburg, in der der aus dem Ruhrgebiet stammende Lyttwin am 1. April 1994 in die Niederlassung startete, standen vor fünf Jahren bei seinem Ausstieg 115.000 Patientennamen. Pro Quartal behandelte er bis zuletzt in Goldbach rund 700 Herzkranke. Gerade in den Jahren, als die gemeinsam mit Partnern geführte Aschaffenburger Praxis das Katheter-Labor im Kreiskrankenhaus in Alzenau-Wasserlos betreute, waren 24-Stunden-Dienste an jedem zweiten Tag keine Ausnahme. Hat sich das alles gelohnt? "Ja", sagt Lyttwin nach kurzem Nachdenken, "der Arztberuf kann sehr schön sein".
Ralf Lyttwin ist ein gelassener, analytischer Gesprächspartner. 9000 Patienten versorgt das MVZ in Goldbach, es ist einer der großen hausärztlichen Grundversorger der Region mit einem zusätzlichen internistisch-kardiologischen Schwerpunkt. Mit Gründer Erich Mützel verbindet Ralf Lyttwin die gemeinsame Idee von zugewandter, menschlicher Medizin. Zuhören, jede Patientin, jeden Patienten mit seinen lebensverändernden, aber auch kleinen Problemen ernst nehmen – das wollen beide. Das klingt wie ein Klischee aus der Schwarzwaldklinik – genau diese Einstellung zum Beruf unterscheidet aber gute von schlechten Ärzten.
Im Pott geprägt
Als Kind des Ruhrgebiets war der Weg an den Untermain für Lyttwin nicht vorgezeichnet. Der Fußball-Fan aus dem Bochumer Stadtteil Wattenscheid studierte in Essen Medizin, seine Grundlagen in der Kardiologie erwarb er im Herzzentrum Duisburg. Sein damaliger Chef gehörte zu den Pionieren der Herzkatheter-Entwicklung in Deutschland. Es habe ihm am Ende nicht mehr zugesagt, den ganzen Tag im Katheter-Labor zu verbringen, "ich wollte wieder mehr mit den Patienten sprechen", erzählt Lyttwin im Rückblick auf seine Entscheidung für die eigene Praxis.
Nach Aschaffenburg habe ihn der am Untermain wohlbekannte Kardiologe Wolfgang Kock geholt, der ebenfalls in Duisburg ausgebildet worden sei. Für Kocks Gemeinschaftspraxis mit Matthias Salefsky, die für die Menschen in und um Aschaffenburger Pionierarbeit in der niedergelassenen Herzmedizin leistete, habe es für seinen Start eine kassenärztliche Sonderzulassung gegeben. "Es ging um ein riesiges Versorgungsgebiet zwischen Frankfurt und Würzburg mit 400.000 Menschen", erinnert sich Lyttwin an seine Anfänge. Die kardiologische Versorgung sei schlecht gewesen, vor allem für Betroffene aus stadtferneren Gemeinden im Spessart. "Da musste etwas passieren, deshalb durfte ich mich hier niederlassen."
Kritik an Lauterbach
Ralf Lyttwin wirkt nachdenklich und ernst: "Es bleibt schwierig", sagt er. Die kardiologische Versorgung sei inzwischen wieder unzureichend in der Region, er weiß um endlose Wartezeiten auf begehrte Termine bei den Herzspezialisten. "Da schließt sich leider ein Kreis", sagt der Facharzt. Es geben keine hinreichenden Antworten für die ausreichende Versorgung einer alternden Gesellschaft, nirgends in Deutschland. Politische Weichen würden auf Bundesebene konsequent falsch gestellt, die Folgen trügen Ärzte und Patienten.
MVZ-Gründer Erich Mützel macht das an einem Beispiel anschaulich: Wirtschaftlich könne man als einzelner niedergelassener Radiologe kaum noch bestehen, ein gutes Ultraschallgerät kostet 150.000 Euro. "Ohne die Quersubventionierungen durch die Privatpatienten ist eine Praxis längst nicht mehr überlebensfähig", sind sich Mützel und Lyttwin einig.
Ralf Lyttwin wird aber noch grundsätzlicher: "Leute wie mich will Lauterbach eliminieren", sagt er, weil der SPD-Politiker die Qualität niedergelassener Fachärzte grundsätzlich anzweifele. Lauterbachs Idee, die "doppelte Facharztschiene" zu schleifen und Herzkranke nur noch an Kliniken – auch ambulant – zu versorgen, hält Lyttwin für einen gefährlichen Irrweg. Die Kliniken seien schon mit der stationären Versorgung überlastet – Lyttwin hält Lauterbach für einen Theoretiker ohne Praxisbezug.
Zupacken für die Zukunft
"Jammern macht nichts besser." Davon ist MVZ-Gründer Erich Mützel überzeugt. Er freut sich darüber, dass Ralf Lyttwin dem MVZ für privatmedizinische Termine und mit weniger Arbeitslast erhalten bleibt. Ohnehin sind mit der erfahrenen Christiane Schirnick-Bauer und dem seit zwei Jahren in Goldbach tätigen 36-jährigen Sergiu Dragomir zwei Spezialisten für die Herzmedizin weiterhin im MVZ Goldbach tätig. "Wir werden alles Menschenmögliche dafür tun, um unseren Patienten weiterhin optimal gerecht zu werden. Mehr geht nicht", sagt der 40-jährige Max Mützel, der als Sohn des Praxisgründers genauso zupackend und pragmatisch auf die Zukunft blickt. Das sind mehr als wohlfeile Worte: Ein weiterer Kardiologe soll das MVZ-Team in Goldbach ab Anfang November verstärken.
Der in Aschaffenburg längst heimisch gewordene Ralf Lyttwin hat seine Leidenschaft für eine gute Medizin in der eigenen Familie trotz des Frusts über gesundheitspolitische Widrigkeiten weitergegeben: Beide Söhne seien als Ärzte in der Schweiz tätig – und auch beide Töchter sind in der Gesundheitsbranche unterwegs, berichtet der neue Teil-Ruheständler. Die Enkel in der Schweiz will er künftig häufiger sehen; und in Goldbach wird er als Privatarzt weitermachen, "so lange es noch Spaß macht".
Main Echo Redakteur Martin Schwarzkopf
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