Zum Hauptinhalt springen

Perfekte Fassade, keine Seele: Mützel mit gemischten Gefühlen

Goldbacher erlebt seine neunte WM in Folge

Fußball-Weltmeisterschaft im Land der Superlative. Die Vereinigten Staaten, ein Land, in dem mit »Soccer« nicht viel verbunden wird. Fünf Wochen lang finden sich Millionen von Fans in einer Sportkultur wieder, die bisher mit Fußball wenig anfangen konnte. Darunter auch der Goldbacher Mediziner Erich Mützel.

Ein Blick auf Städte wie New York und Dallas erklärt dabei, wieso neue Sportarten und Fankulturen sich schwertun: »Wenn in New York mal 100.000 Leute mehr sind – die haben ja viele Großveranstaltungen – merkt das niemand«, sagt der Goldbacher. Damit stellt sich die Frage: Ist die WM in den USA wirklich angekommen?

Anders als gewohnt

Fußballnationen feiern ihre Siege in der Regel ähnlich – Autokorsos, Flaggen, Fanaufgebote und Städte, die vor Anlauf platzen. Und hier unterscheidet sich die diesjährige WM: »Man hat überhaupt nicht gemerkt, dass es eine WM gibt«, sagt Mützel. Fanmeilen oder Autokorsos sucht man vergebens – auch das Fußball-Fieber sei nirgends zu finden.

Dasselbe galt auch in Dallas beim Halbfinal-Spiel Frankreich gegen Spanien: »Da war überhaupt keine Stimmung im Stadion und die Mannschaften sind auch nicht angefeuert worden.« Ein Tag später fühlt es sich jedoch so an, als wäre es eine andere Sportart. Ein Erlebnis, das laut Mützel im Kopf bleibt: »Hier in Atlanta haben die Argentinier vorher und nachher Party gemacht, auch mit ihren Gesängen.« Die Stimmung im Stadion der Atlanta Falcons ähnelt dabei der eines Festivals.

In einem Punkt lassen sich die Amerikaner nichts vormachen – dem Service. »Ich habe solche Stadien noch nie erlebt.« Der Fußball-Fan bezieht sich dabei vor allem auf die Organisation und Struktur, trotz der Größe. Vom Sitzplatz aus Essen und Trinken bestellen, keine Warteschlangen vor den Toiletten oder Essensständen, Bildschirme in nie dagewesenen Ausmaßen, die ein Zuschauen von jedem Platz ermöglichen und Toiletten so sauber, dass sie unbenutzt wirken.

Dieses Turnier hat seinen Preis

Tickets bei einer Fußball-Weltmeisterschaft sind schon immer teuer – aber bezahlbar genug für Fans rund um die Welt. Das ändert sich gerade mit »Dynamic Pricing«. Der Preis eines Tickets richtet sich nach der Nachfrage – sekündlich, automatisch. Wenn viele ins Stadion wollen, steigt der Preis. Sind Plätze weniger gefragt, fällt er. Den Preis von morgen weiß daher niemand. »Die Kosten sind gar nicht mehr erschwinglich – das kann kein Mensch bezahlen«, außer wer wie Mützel lange im Voraus bucht. Auch im Stadion endet der Preiskampf nicht. Zehn Dollar kostet ein Bier – zuzüglich 20 Prozent Trinkgeld.

Die WM lässt daher eine Frage offen: Stehen Leidenschaft und Sport im Vordergrund oder das Geschäft? »Das war kein Fußballfest – das war eine reine kommerzielle Großveranstaltung. Der Fifa geht es nur um Kommerz.«

Der perfekte Gastgeber

Gigantische Arenen und ein Service, der seinesgleichen sucht – das prägt diese WM. Kulturell kommt sie dennoch nicht an ihre Vorgänger ran – kein Song, der rauf und runter läuft und keine Leidenschaft, die vom Gastgeberland zu merken ist. Die Emotionen, die zu sehen waren – die brachten die Fans mit. So liefert der Gastgeber eine perfekte Bühne, schwächelt aber beim Inhalt.

Trotzdem würde Mützel nochmal fahren – es fehlen nur noch die Emotionen, die Stadien und der Service passen.

Artikel des Main-Echo Mitarbeiters:
Tobias Mack

Weitere Informationen im Artikel des Main-Echo oder auf main-echo.de

Termin vereinbaren